Friday, November 24, 2006

Brief an die Mächtgen dieser Welt

Liebe Politiker,

In den letzten Tagen, durch den Amoklauf eines Schülers veranlasst, loderte die Diskussion auf, ob man denn die gewaltthätigen Computerspiele verbieten solle (die seien ja der einzige wichtige Grund für die Catastrophe)

Ich freue mich ausgesprochen, dass Ihr die Gesellschaft so edelmutig zu verbessern strebt, indem Ihr diese Horrorkillerspiele verbietet. Aber es gibt da noch einiges zu tun, auch in anderen gefährlichen Bereichen unsres Lebens. Nehmen wir z.B. die Literatur - jenes Nest des Unheils, das uns von unserem Alltage ablenkt und ins Verderben sturzt, unter die Lupe.

Ich habe eine Liste von erschreckenden Sachen zusammengestellt, die man noch verbieten müsste, damit unsere Gesellschaft edel, tugendhaft, jungfräulich, glücklich und von der Schmach der Bildung verschont sein möge:

Goethe "Leiden des Jungen Werthers" - für eine schamlose Selbstmordpropaganda (die erfahrungsgemäß bestens funktioniert)

Goethe "Erlkönig" (eine subliminale Konkretisierung der Kinderpornographie, vgl: "Du liebes Kind, komm, geh mit mir! / Gar schöne Spiele spiel ich mit dir" und ferner "Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?" und ferner "Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt; / Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt." . Ausserdem diskreditiert dieses Schmiertext die edle Rolle des Vaters als einer erziehender Instanz - im Gedicht reagiert er gar nicht auf die Hilfgesuche des Kindes und wenn sie beide zu Hause ankommen, ist das Kind bereits tot. Was ist denn das denn für eine Lügenschrift über die noblen Träger unserer Gesellschaft, die jeden Tag stundenlang Ihrem Nachwuchs Aufmerksamkeit schenken, anstatt sich in den Arbeitslabyrinthen zu verlieren und die Entfremdung des Kindes zu provocieren!).

Schiller "Räuber" - wie verhängnissvoll denn ist diese Destabilisation unseres treuen Glaubens an die Authoritäten, an unsere würdevollen Tugendträger, die unser Leben stets fort zu bewegen pflegen.

ETA Hoffman - dieser düstrer Mystiker, der unsere Kinder bereits in ihren zarten Jahren erschreckt und den Aberglauben stiftet.

Die Liste kann beliebig fortgeführt werden, Ihr seht ja, meine Ehrwürdigen Machtinhaber, es ist noch vieles zu tun.

Hochehrensvoll, Euer ich.

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