Friday, June 29, 2007

Stöckchen

Heute Nachmittag war ich im Zetungskiosk neben der Uni. Ich suchte
nach Immobilienanzeigen, und die Kiosk-Frau (oder war es ein Mann? Das
habe ich bis jetzt nicht herausgefunden...) führte ein ruhiges
Gespräch mit der Alten Dame, die immer im Kiosk sitzt und Ihre
Signifikanz im Zigarettenqualm von der Aussenwelt versteckt.

Plötzlich ist der Verkäufer von Obdachlosenzeitungen reingesturmt. Er
ist normalerweise immer freundlich und grüsst alle, wenn man auch
nichts bei ihm kauft. Diesmal war er aufgeregt, wie besessen.

- Bitte, gib mir des Stöksche! Sofort! Bitte!

Es war so unerwartet, dass die Kiosk-Frau zusammenzuckte und von den
Regalen die Likör-Fläschchen eins nach dem anderen zu Boden fielen.

- Sag ma, Bist du denn ganz übergeschnappt? Kannste vielleicht etwas
behutsamer mit meinen Nerven umgehen?
- Ja, ja, - der Obdachlosenzeitungsverkäufer war ungeduldig, - aber
bitte, gebe mit des Stöcksche!
- Was willst du? Das Stö... Warum brauchste eigentlich mein Stöckchen?
- Na da sind so zwei Typen gekommen, die wollen mich zusammenschlagen,
deswegen tu ich halt das Stöcksche brauchen.
- Na, das mache ich nicht. Ich gebe dir das Stöckchen, Du wirst da
noch jemanden abmurksen, und dann hab ich die Polizei am Hals, wegen
meinem Stöckchen.

- Ach dann nicht! - brüllte er auf, - Dann werde ich halt abgemurkst,
- und er strömte raus.

Die Alte Dame druckte ihre Zigarette in den Aschenbecher hinein und
hindurch und sagte:
- Vielleicht soll ich mal nachschauen, was da los is?
- Auf keinen Fall! - rief kategorisch die Kiosk-Frau. - Ist doch gefährlich!
- Nein, ich gehe, ich gehe wirklich!
- Na gut, - die Kiosk-Frau gab auf, - geh, aber nimm das Stöckchen mit.
- Wie? Hast Du denn nicht alle? Soll ich mit deinem Stöckchen die
Strasse entlang spazieren?
- Tu es doch in deinen Rock verstecken. Dann sieht's keiner.
- Na gut, - die Alte Dame war bereit.

Und Kiosk-Frau holte hinter dem Tresen einen alten Baseball-Schläger,
aus schwerem Holz, ganz in Rissen und oft benutzt. Die Alte Dame
steckte den Schläger sich in den Rock und lief hinaus.

- Ein Jammer, - wandte sich die Kiosk-Frau an mich, - wie die Menschen
übereinander herfallen. Das Leben ist sowieso nicht leicht - und noch
so viel Agression.

2 comments:

Manuel Wolff said...

Und was hast DU gemacht?

Merzmensch said...

Gute Frage.
Ich habe zugeschaut. Ohne einzugreifen. Asche auf mein Haupt. Soviel zum Thema Zivilcourage. Soviel zum Thema "Verschwinden des Authors" frei nach Michel Foucault.