Saturday, September 08, 2012

The Spiral: The Warehouse, Kunsthaus Tacheles und andere bedrohte Arten

Alternative Realitäten sind weitaus mehr als Hirngespinnste der realitätsfremden Kreativen. Das wurde an diesem Dienstag zum wievielten Male bewiesen.

The Warehouse - die Stabstelle der Guerilla-Künstler in Kopenhagen - ist bereits in der ersten Folge von "The Spiral" geräumt worden. Es wurde dort eine Gelddruckanlage gefunden. Das war auch der Grund, aus welchem Arturo, der charismatische Maitre, Schirmherr und Patron von The Warehouse, verhaftet worden ist.

Räumung von The Warehouse. Foto: Mike Grundfeld


Ist es denn wirklich ein Zufall, dass am nächsten Tag nach der Ausstrahlung der Folge (4. September 2012), ein realer historischer Ort aufhörte zu existieren? Kunsthaus Tacheles.

Kunsthaus Tacheles. Source: Wikipedia, De-okin

Ein Künstlerquartier in Berlin, ein besetztes Haus, das immer von der Räumung bedroht war, ständig aufgesucht von Polizeibeamten und Sicherheitsleuten. Eigentlich, wurde das Haus als besetzt erklärt, als der Hauseigentümer HSH Nordbank plötzlich die übliche Miete verlangte (statt symbolische 50 Cent pro Monat, wie die ganze Zeit bis 1998), die Künstler Insolvenz von Tacheles e.V. erklärten und... im Haus blieben. In dem von nun an besetzten Haus.

Ein Künstler wurde sogar von Sicherheitsbeamten (im Auftrag der Hauseigentümer) rausgeworfen und seine Werke wurden ohne weitere Erklärungen eingesperrt. Ray Bradbury anyone? The Warehouse ist eigentlich dem Tacheles nachempfunden worden: subversive Künstler, besetztes Gebäude, Kultstatus und lebendige Bemalung des Interieurs.

The Warehouse, Quelle: Video
Tacheles gehört von nun an Vergangenheit - und Berlin ist um eine kulturelle Mekka ärmer geworden. Gentrifizierung läuft voran. Doch allein Berlin ist es nicht. In Zürich wird Cabaret Voltaire aus einer lebendigen subversiven Begegnungsstätte zu einer musealen Mumie umgewandelt. Und während dessen unternimmt Kulturamt Frankfurt eine sogenannte "Evaluation der Freien Theaterszene in Frankfurt am Main". Die einzigartige Vielfalt der Frankfurter Freien Bühnen wird zugunsten der geldgebenden Mainstream-Riesen geopfert. Mit völlig abstrusen Beschuldigungen, die Frankfurter Theaterszene sei "zu alt" (???), nimmt zu wenig an Festivals teil (was bereits faktisch nicht stimmt) oder "ästhetisch fragwürdig" (so eine Bewertung sagt vieles über die Evaluierer...).

Und das sind nur wenige Beispiele, die zeigen, wie aktuell und brizant die Handlung von "The Spiral" ist. Doch bitterweise muss immer dabei bedacht werden - ist "The Spiral" und The Warehouse ein Produkt der Fiktion, sind Berliner, Züricher und Frankfurter Entwicklungen sehr real. Beunruhigend real. Real beunruhigend.


P.S. Übrigens, die aufmerksamen Leser dieses Blogs werden sich an Star Trek ARG erinnern. Denn Kunsthaus Tacheles spielte dort eine wichtige Rolle.

1 comment:

entsorgung wien said...

Einfach nur Wundervoll, das hier zu lesen/sehen finde ich echt Klasse.

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